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  Globalisierung kontrovers

   

Das Rad der Geschichte lässt sich nicht zurückdrehen. Die Globalisierung wird die Wirtschaft, die Kommunikation, die Kultur, die sozialen Standards und die Umwelt entscheidend prägen. Die vorliegenden Prognosen gehen davon aus, dass in 25 Jahren bis zu 80% der Weltwirtschaftsleistungen auf globalen Märkten erbracht werden. Dies ist die globale Herausforderung an eine konstruktive Gestaltung der Zukunft. Wägt man jedoch die Chancen und die Risiken der Globalisierung gegeneinander ab, so scheinen gegenwärtig noch die Risiken zu überwiegen.

 

Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass sich auch Widerstand gegen die Globalisierung zu regen beginnt. Es scheint ein verlorener Haufen zu sein, der am 30. November 1999 in der walisischen Stadt Bangar gegen die Globalisierung demonstriert. Gerade einmal 40 Menschen sind es. Doch zur gleichen Zeit versammeln sich doppelt so viele auf der anderen Seite des Erdballs vor der australischen Bank »Brisbane Stock Exchange«, um gegen die Macht transnationaler Banken zu protestieren. Und in Indien verbrennen fünfhundert Frauen vor dem Grab des Mahatma Gandhi eine Statue der Welthandelsorganisation WTO. Der amerikanische Präsidentschaftskandidat Al Gore muss sich in seinem Wahlkampfbüro in Nashville immer wieder den Chor der Globalisierungsgegner anhören, die dort skandieren: »No, No, No, WTO«.

Es ist N30 - der 30. November 1999. Ihn haben die Globalisierungsgegner zum »Global Action Day« erklärt. Weltweit protestieren über 1 Million Menschen gegen die Globalisierung. Zentrum der Aktionen ist Seattle. Hier tagt die WTO und hier gehen 50.000 Globalisierungsgegner auf die Straße. Eine Frau aus Seattle berichtet:


Ich kam vom Einkaufen und bin stehen geblieben, um mir die Demonstration anzusehen. Sie waren so fröhlich, die Demonstranten haben gesungen und getanzt. Dann kam die Polizei. Ich werde es nie vergessen. Wenn Tränengasgranaten explodieren, klingt das wie Artillerie. Überall war Gas. Wir rannten, die Polizei hinter uns her. Ich habe gesehen, wie die Polizei eine alte Frau an ihren Haaren über die Straße schleifte. Ich habe gesehen, wie Gummigeschosse Brillengläser und Zähne zerschlugen. Einigen Demonstranten, die tränenblind durch die Gegend taumelten, sprühten sie Pfeffergas direkt ins Gesicht. Ich wusste bis zu diesem Moment gar nicht, was die WTO ist. [1]
 

Die Ereignisse von Seattle bleiben kein Einzelfall. Sie wiederholen sich jedes Mal, wenn die internationale Wirtschaftselite tagt. Der Höhepunkt wurde mit dem G8-Gipfel in Genua erreicht. Vom 18. bis 22. Juli 2001 verkehrten nach Genua weder Flugzeuge noch Züge. Autobahnabfahrten wurden gesperrt. Busse, U - Bahnen und Straßenbahnen fuhren kaum noch. Ein eiserner Vorhang von vier Meter Höhe trennte die Stadt. In der roten Zone und auf dem Luxusschiff »European Vision« im Hafen von Genua hatten sich die Regierungschefs vor den 200.000 Demonstranten verschanzt. Doch unter die überwiegende Mehrheit friedlicher Demonstranten mischten sich gewaltbereite Autonome.

 

Eine Orgie der Gewalt auf beiden Seiten brach los. Und es wurde auch scharf geschossen. Ein Projektil der Polizei traf den Studenten Carlo Giuliani aus Genua. Er starb mit nur 23 Jahren. Ein Jahr später erinnerten in Genua rund 100.000 Demonstranten an den Tod des jungen Mannes.
 

Globalisierungsgegner wird man wegen der grundlegenden Defizite bei der Gestaltung der Globalisierung. Und solange diese Defizite existieren, wird es auch Globalisierungsgegner geben - auch unter Christen. In ihren Reihen gibt es viele konstruktive Diskussionen. Die Bühne dafür sind die regelmäßig veranstalteten Weltsozialforen. Im Jahre 2001 kamen rund 10.000 Globalisierungsgegner nach Porto Allegre, um Alternativen zum globalisierten Kapitalismus zu erarbeiten.
 

Im Folgejahr waren es schon 60.000 Teilnehmer aus 88 Ländern, die sich hier unter dem Motto: »Eine andere Welt ist möglich«, in der Katholischen Universität von Porto Allegre versammelten. Ihre Themen: Frieden, soziale Gerechtigkeit, Neoliberalismus. Ihre Forderungen: Abschaffung von IWF und WTO, Verbot von Patenten auf lebende und genmanipulierte Organismen, bedingungslosen Schuldenerlass für die Länder der Dritten Welt, strikte internationale Kontrolle der Unternehmensfusionen, die Gründung eines UN-Sicherheitsrates für Wirtschaft und Soziales etc.
 

Eins haben die Aktionen der Globalisierungsgegner mit Sicherheit gebracht. Ein Problembewusstsein für die Globalisierung ist entstanden. Es geht nun nicht nur um Profitmaximierung durch international ausgerichtete wirtschaftliche Aktivitäten, sondern auch darum, durch anerkannte und sanktionierte Regeln ein transnationales Regime zu errichten, dass die Würde der von der Globalisierung betroffenen Menschen wahrt. 

Drei Kräftegruppierungen sind zur Gestaltung der Globalisierung angetreten:    ● ● ●

 

                                                                                                                                                                                                                                            
[1] Berliner Zeitung vom 23./24. September 2000                                                                                                                                                    nach oben