Leseprobe

     

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                        Nur wer den Willen tut

                       

 

 

 

 

 

 A

ufbruch nach Basileia scheint ein Widerspruch in sich selbst zu sein. Denn Basileia[1] ist die Gottesherrschaft, das Reich Gottes. Das Reich Gottes kann aber nur das Werk Gottes selber sein. Und so kann der Mensch niemals von sich aus nach Basileia aufbrechen. Doch es ist gerade Gott, der diesen Widerspruch versöhnt.
                   Das Werk Gottes besteht eben darin, dass er Menschen den Weg nach Basileia weist, sie zum Aufbruch beruft,
                    sodass sie aufbrechen
und sich auf den Weg machen. Diese Menschen sind Träger göttlichen Wollens. Den
                    Heilswillen Gottes tun – das ist der  Weg in das verheißene Gottesreich.

                            Nicht jeder, der zu mir sagt:

                     Herr! Herr! wird in das Himmelreich kommen,

                     sondern nur, wer den Willen

                     meines Vaters im Himmel tut.

                             Mt 7,21

                       Dies gilt für Frauen genauso wie für Männer, für Unternehmer genauso wie für Arbeitnehmer und für
                  Jugendliche genauso wie für Rentner oder Pensionäre. Um aber den Willen zu tun, bedarf es Geduld,
                  Gelassenheit und Ausdauer:

                           Was ihr braucht, ist Ausdauer,

                    damit ihr den Willen Gottes erfüllen könnt.

                           Hebr 10,36

                      Doch angesichts der Globalisierung, die von vielen Menschen als Bedrohung empfunden wird und als etwas,
                 dem man wehrlos ausgeliefert ist, suchen einige die Nischen eines individuellen Glücks, losgelöst von den
                 anderen, notfalls auch gegen die anderen. Angestrebt wird eine private Seligkeit.

                     Das Ziel des Christen ist nicht eine private Seligkeit, sondern das Ganze. Er glaubt an Christus, und er glaubt
                 darum an die Zukunft der Welt, nicht bloß an seine Zukunft. Er weiß, dass diese Zukunft mehr ist, als er selbst
                 erschaffen kann. Er weiß, dass es einen Sinn gibt, den er gar nicht zu zerstören vermag. Aber soll er darum die
                 Hände in den Schoß legen?  Im Gegenteil – weil er weiß, dass es Sinn gibt, darum kann er und muss er freudig
                 und unverzagt das Werk der Geschichte tun.

                   
  (Ratzinger, 2005 S. 340)

                     Aufbruch setzt immer den Willen voraus, eingefahrene Gleise zu verlassen und etwas Neues zu riskieren. Die
                 Amerikanerin Julia »Butterfly« Hill tat so etwas, besetzte einen 60 Meter hohen Mammutbaum an der  
                 kalifornischen Westküste, um ein Zeichen für die Erhaltung der Schöpfung zu setzen. Sie lebte über 2 Jahre auf
                 einer kleinen Plattform auf schwindelnder Höhe, hielt Kälte, schwere Stürme und den Psychoterror der
                 Holzkompanie aus. Befragt danach, womit sie ihre Angst überwand, antwortete sie: mit Lachen, Liebe und
                 Gebet. Sie rettete eigentlich »nur« ein paar  Bäume, während der weltweite Kahlschlag ungebremst weiter ging.
                 Doch sie spürte so etwas wie eine Berufung zu ihrer Aktion, der sie sich nicht entziehen konnte:

                      Ich glaube es gibt Momente im Leben, wo wir etwas erkennen und ohne jeden Zweifel wissen, dass etwas
                 falsch läuft und  wir etwas unternehmen müssen.

                  (von Lüpke 2003, S. 171)

                     Und es läuft in unserer globalisierten Welt mit Kriegen und Terrorismus, mit Armut und Hunger, mit
                 Umweltzerstörung und Massenarbeitslosigkeit etwas falsch. Christen sind aufgerufen, das Erbe Christi
                 anzutreten und aus diesem Erbe heraus, etwas dagegen zu unternehmen. Indem sie die Gegenwart
                 bewältigen, gewinnen sie Zukunft.

                     Mit dem Erbe Jesu kann zu jeder Zeit und erst einmal ganz individuell Ernst gemacht werden. Dazu müssen
                 einfach die ethischen Normen Christi tagtäglich gelebt werden. Doch so einfach ist dies nicht. Die Verhältnisse
                 sind einfach nicht so. In einer durch Konkurrenz geprägten Welt ist es schwierig, Nächstenliebe dort zu
                 praktizieren, wo andere Ellenbogen einsetzen. Gelingt es das eine Mal, gelingt es das andere Mal nicht.

                 Möglich wird es dagegen, wenn Christen über die Glaubensgemeinschaft hinausgehen und sich zu einer
                 Lebensgemeinschaft  zusammenschließen, um hier – gleichsam im Mikroklima der Gruppe – ihren Glauben zu
                 leben. Doch wenn die Gemeinschaft kein Getto sein soll, wird sie bald über sich hinausstreben. Ziel ist eine
                 ganzheitliche christliche Existenz in dieser Welt – ein Leben also, in dem die Nachfolge Jesu alle
                 Lebensbereiche betrifft.

                Unser Glaube muss unserem Alltagsleben Gestalt geben.

                 (Hahne, 2005)

                  Um ein Ziel zu erreichen, bedarf es Strategien und Innovationen. Strategien entwerfen die Marschroute und
                  Innovationen leiten die notwendigen Erneuerungen ein. Innovationen aktivieren die Vision und verwirklichen
                  sie. Der Wandel entsteht nicht nur durch große Schritte, durch revolutionäre Veränderungen - er wird vor allem
                  durch viele kleinere Schritte herbeigeführt.

                  Wer aus dem christlichen Glauben konkrete und praktische Konsequenzen ableitet, polarisiert, ruft nicht nur
                  Zustimmung, sondern auch vehemente Ablehnung hervor. Doch Aufbruch ist immer ein Abenteuer. Sich darauf
                  einzulassen, heißt die Banalität des täglichen Überlebenskampfes hinten anzustellen und dafür auch das Risiko
                  des Scheiterns einzugehen. Dieses Risiko ist begrenzt, sobald es in der Gemeinschaft eingegangen wird. Da,
                  wo Menschen im Namen Christi zusammen sind, da wird auch der Boden für die Nachfolge bereitet.


 

[1] Basilleia tou theou  gr.  Gottes Herrschaft

[2] Gottesreich            ►    Zur näheren Erläuterung dieses zentralen Begriffes der Verkündigung Jesu siehe auch  reichgottes.info

Das Anliegen des Buches besteht darin konkret und praktikabel aufzuzeigen, wie nun unter den Bedingungen der herrschenden Globalisierung und ihrer Krisen in der Nachfolge Jesu ein ganzheitliches christliches Leben geführt werden kann, dass dem Einzelnen Lebenssinn und Lebensglück bringt und in der Endkonsequenz die gesamte Gesellschaft nachhaltig humanisiert.

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